Das Fenster

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Immer wieder gehen Leute an meinem Fenster vorbei. Es ist Sonntagmorgen, die Sonne spielt mit Wolken. Immer wieder werfe ich einen Blick auf die Strasse während des Ankleidens. Da, der alte gepflegte Herr am Stock. Ein Lächeln entweicht mir. Eine zärtliche Erinnerung streift mich. Mein Grossvater. Er ist wohl über achtzig, sein Nacken ist gebeugt, er trägt einen dunkelblauen Regenmantel und ein ebensolches Peret. Seine Gestalt ist klein und zierlich. Behutsam setzt er Schritt vor Schritt ohne seine Zielstrebigkeit einzubüssen. Ich erinnere mich an unsere letzte Begegnung. Irgendwo weiter vorne an der lauten, viel befahrenen Strasse. Wie er aufschaute und mir einen wachen, freundlichen Gruss entgegen sandte. Der ist mir geblieben. Wie aus einer andern Welt. Schon damals rührte mich seine Person. Da geht er durch die Welt und grüsst, als lebten wir nicht heute, als gäb’s keinen grussfressenden Lärm, als wär’s noch ganz normal, sich in der Stadt zu grüssen, wenn sich zwei Personen kreuzen. Schon damals, vielleicht vor einem Jahr war’s, zauberte der Weisshaarige ein Lächeln auf mein Gesicht. Und wenn er das nicht vermocht hätte, stünde ich jetzt am Fenster, sähe ihn vorbei gehen und dächte mir: das ist ein alter einsamer Mann…
BJ

   

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