Die Nachbarin

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Alles begann mit einer Notiz. Auf der weissen Tafel im Treppenhaus. Sie suchte einen Babysitter für ihren Zweijährigen. Eine Nachbarin im unteren Stock meldete sich. So konnten die Eltern ins Kino. Eine gute Nachbarschaft nahm ihren Anfang. Spontane Besuche, gegenseitiges Ausleihen von Dingen, Gespräche über Alltag und Beruf. Hin und wieder ein gemeinsames Nachtessen, ein Spaziergang, Pläne für später, wenn die Kinder grösser seien. Gleichzeitig wollte die Mutter wieder arbeiten gehen. Sie war Stoffdesignerin. Zufällig merkten die Nachbarinnen, dass die eine Dinge trug, die von der Designerin entworfen waren. Nur einen Tag wollte sie arbeiten gehen, aber immerhin, dieser lag ihr sehr am Herzen. Bloss, sie war allein damit. Sie wollte den Jungen nicht weg geben, einer Tagesmutter überlassen aufgrund schlechter Erfahrungen. Ihr Plan war, dass der Vater des Kindes seinen Job um einen Tag reduzieren sollte, um sich seiner anzunehmen. Doch das kam für ihn nicht in Frage. Im Gegenteil, er wollte parallel zu seinem hundertfünfzig-prozentigen Job noch ein eigenes Projekt verwirklichen. Sie war eine fröhliche Frau, sie wirkte optimistisch. Eines Tages erzählte sie der Nachbarin von diesem Konflikt zwischen ihr und ihrem Mann. Es war das erste Mal, dass sie ihr so etwas Persönliches anvertraute. Es sollte auch das letzte Mal sein. Die Nachbarin bestärkte die junge Frau in ihrem Ansinnen. Das könne doch nicht so schwierig sein. Nach einer Weile Gespräch wurde es immer deutlicher, dass die Frau selber nicht an die Verwirklichung ihrer Pläne glaubte. Sie sah keine Möglichkeit, den Mann von der Notwendigkeit zu überzeugen, dass sie keine Fremdbetreuung im Hause wollte, sondern ihn. Sie meinte nur lakonisch: "So einen sturen Menschen wie ihn gibt es nicht mehr!" – Nicht nur stur, egozentrisch, ging es der Nachbarin durch den Kopf. Sollte das die neue Form von Partnerschaft sein? Kurz nach diesem Gespräch erfuhr die Nachbarin von der erneuten Schwangerschaft. Die junge Frau wirkte nicht mehr so optimistisch, in ihren Augen flackerte ein Irrlicht. Mit dem Wachsen des Bauches rückte die Realisierung ihres Arbeitswunsches in noch weitere Ferne. Am Tag der Hausgeburt ihrer Tochter war im ersten Stock ein heftiger Streit entflammt. Schuld bewusst erfuhr die Nachbarin am nächsten Tag von der Geburt. Ob das ein schlechtes Omen war? Es sollte noch genau acht Monate dauern, bis die tödliche Krankheit der Frau diagnostiziert wurde. Danach ging’s schnell. Nach nur viereinhalb Monaten verabschiedete sich die Mutter der beiden jungen Kinder von dieser Welt. Die Nachbarin begleitete die junge Familie in allen Stadien. Sie zog sich nicht zurück wie viele ihrer Bekannten und Freunde. Sie kochte, schaute zu den Kindern, besuchte die Frau im Spital und sprach tröstende Worte zum Mann. Dieser wähnte sich in einem Albtraum. Er, der Rationelle, wurde plötzlich offen für alternative Heilmethoden, für spirituelle unorthodoxe Wege, liess nichts unprobiert. Die Erkrankte schwankte zwischen Verzweiflung und überhöhter Hoffnung. Sie schmiedete Pläne, die sie am nächsten Tag wieder verwarf. Ein normales Verhalten in so einer Situation. Ein tieferes Gespräch war nicht mehr möglich. Der Selbstschutz offenbarte sich als Wand, an der alles abprallte. Eines Tages hörte die Nachbarin ein Kratzen an der Türe. Sie schaute nach, der inzwischen Dreijährige stand stumm vor der Türe. Sie liess ihn ein und er steuerte auf die Spielkiste zu, wo er, ohne ein Wort zu sagen, zu spielen begann. Ihre ganze Familie wechselte sich mit Tagesmüttern ab. Silvester stiessen alle noch halbherzig auf das neue Jahrtausend an. Von da weg sollte sie noch genau eineinhalb Monate leben. Als alles vorbei war, bildete sich auch beim Mann eine harte Kruste wie nach einem Vulkanausbruch, wenn die Oberfläche erstarrt. So schnell er konnte, suchte er den Ort des Grauens zu verlassen. Vier Monate später zog er weg in eine andere Stadt. Der Abschied war kein eigentlicher. Er glich mehr einer Flucht. Wenn die Nachbarin heute durch das Quartier zieht, sieht sie manchmal eine schlanke, gross gewachsene, dunkelhaarige Frau mit Kurzhaarschnitt vor sich gehen. Sie stockt dann und möchte sie überrascht mit ihrem Namen rufen. Oder sie sieht sie etwas traurig allein auf einer Bank vor der Sandkiste sitzen. Da, zwischen den Gestellen im Laden, da geht sie! So süss die Kinder auch waren, der reale Kontakt zur restlichen Familie ist eingeschlafen. Die letzte Begegnung war unbefriedigend. Der Vater hatte seine emotionale Abwehrhaltung noch kultiviert und laut von sich gegeben, dass es keine Probleme mit der Erziehung gebe, wenn man alles gut organisiert hätte. Er war auch bereits eine neue Liebesbeziehung eingegangen. Das Leben ging weiter. Trotzdem begegnet die Nachbarin hin und wieder irgendwo und unerwartet plötzlich seiner ersten Frau.
BJ

   

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