Mangelnde Geschichtsschreibung

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Der Mangel an Geschichtsschreibung über die schweizerische Frauenbewegung

Ich plädiere dafür dass die Geschichte der Frauenbewegung ein Teil der Schweizergeschichte ist. Die Frauenbewegung ist nicht sichtbar. Sie kommt in den Geschichtsbüchern kaum vor. Sie wird im Geschichtsunterricht nicht zur Kenntnis genommen. Wenn junge Menschen ohne Kenntnis darüber aufwachsen, muss man sich nicht verwundern, dass die Situation der Frau immer noch so ist wie sie ist. Wir haben zwar viele Fortschritte gemacht, aber in den Köpfen hat es noch nicht „geklickt„. Die Beteiligung der Frau an der geschichtlichen und gesellschaftlichen Entwicklung ist bis heute kaum sichtbar. Eben deshalb ist das Archiv zur Geschichte der schweizerischen Frauenbewegung wichtig. Ich arbeite für die Nachwelt. Die Gosteli-Stiftung beweist, dass wir viele Archive haben. Also gab es auch eine grosse Beteiligung der Frau an der gesellschaftlichen Entwicklung. Dies jedoch muss auch Eingang finden in den Geschichtsunterricht und in die Erwachsenenbildung, was sich noch nicht vollzogen hat. Das Schlimmste ist, dass es auch viele Frauen noch nicht begriffen haben. Dabei können wir von der jeweils gegenwärtigen Gesellschaft nicht erwarten, dass sie den Beitrag der Frauen in der vergangenen Geschichte versteht. Ich bin in einer ganz anderen Gesellschaft aufgewachsen als diejenigen, die zwei oder drei Generationen nach mir kamen. Die gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Situation war völlig verschieden und prägte die Menschen auch anders. So ist es ebenfalls nicht möglich, die Menschen von damals – Frauen oder Männer – auf die Anklagebank zu setzen und ihnen vorzuwerfen, dass sie etwa nicht mehr getan oder sich anders verhalten haben. Sie wussten es damals einfach nicht besser. Im Unterschied zu den Zeitgenossinnen und Zeitgenossen haben die Historiker, die die vergangenen Ereignisse aufarbeiten, bereits Kenntnis davon, was die damalige Geschichte für Folgen hatte. Aber die Menschen, die die Geschichte schrieben, kannten die Resultate ihres Handelns natürlich noch nicht. Dies muss auseinander gehalten werden. Und der Jugend muss erklärt werden, wie es damals war. Eben in diesem Sinn arbeite ich für die Zukunft. Ich sorge dafür, dass die Archivalien vorhanden sind, um diese Dinge zu erklären. Viele Dokumente, die ich aufbewahre, sind noch nicht aufgearbeitet. Dies lässt sich immer noch tun. Mir aber ist es ganz wichtig, dass die Materialien vorhanden sind. Erstaunlich ist immerhin, dass sich sehr viele jüngere Menschen an mich wenden und mir zuhören. Sie wissen die Dinge nicht. Darüber bin ich auch nicht erstaunt. Viele der 1968-er-Generation beklagen sich allerdings darüber, dass die Jungen von heute keine Ahnung etwa von der Frauenbewegung hätten. Doch woher sollten die jungen Leute dies auch wissen? Eben diese Tatsache ist es auch, was mich motiviert. Aus diesen Gründen habe ich die vergangenen 20 Lebensjahre für diese Stiftung eingesetzt und dafür mein Erbe und alles, was ich habe, verwendet. Irgendwann im Leben muss man sich entscheiden, was man tun und wofür man sich engagieren will – wenn es etwas Grosses werden soll, erst recht. Ich jedenfalls habe gar meine nächsten Verwandten darauf hingewiesen, dass sie mich nicht beerben können... Die Frauenbewegung ist weltweit die grösste unblutige Freiheitsbewegung des letzten Jahrhunderts. Dabei ist es naheliegend, dass es nicht möglich ist, in einem oder vielleicht gar zwei Jahrhunderten etwas zu ändern, das so tief sitzt und so lange dauerte und das zusammenhängt mit der Minderwertigkeit der Frau, mit der Unfähigkeit, die man ihr zuordnete, überhaupt bildungsfähig zu sein, oder mit der Zuordnung, sie habe ein kleineres Hirn, so wie bei Paul Julius Möbius, der vom "physiologischen Schwachsinn" der Frau sprach. Ich glaube, dass es wichtig ist, die Entwicklung zu bedenken, die die Frauen durchmachten. Weil ihnen vor nicht allzu langer Zeit analog zu Möbius die Bildungsfähigkeit abgesprochen worden ist, standen am Anfang der Frauenbewegung Bildung und Schulung und noch einmal Bildung und Schulung. Die Frauen wussten, ohne dies würden sie nie aus der Minderwertigkeit heraus finden, die man ihnen immerzu attestierte. In dieser Hinsicht wurden riesige Fortschritte erzielt, und zwar dank unseren Pionierinnen, denen ein alles umfassendes Denken nicht unbekannt war. Der Feminismus lässt verschiedene Interpretationen zu. Mein Feminismus basiert darauf, dass ich anerkenne, dass die Frau tatsächlich benachteiligt war. Dies akzeptieren auch Männer – je länger, je mehr sogar. Doch ich möchte, wenn ich schon als Feministin gelte, in allen Bereichen der Gesellschaft die Bewertung der Dinge aus Sicht der Frau einbringen, da ja alle Werte nach wie vor männlich geprägt sind – und die Frauen erliegen dieser männlichen Prägung noch heute. Genau an diesem Punkt wird es schwierig: wenn eine Frau das, woran sie glaubt, "durchziehen" möchte. Die männliche Bewertung aller Dinge des Lebens ist immer noch stark sichtbar. Die Frauen haben eine andere Betrachtungsweise, die für unsere Gesellschaft wichtig ist. Dies muss zum Durchbruch kommen – auch in den politischen Entscheiden. Genau in diesem Bereich aber wird es bei der Einbringung der weiblichen Betrachtungsweise schwierig.

Was erwarte ich von den neugewählten Politikerinnen?
In all den langen Jahren meiner Arbeit in der schweizerischen Frauenbewegung und für das Archiv der schweizerischen Frauenbewegung habe ich festgestellt, dass der falsch verstandene Feminismus der Frauenbewegung einen üblen Streich gespielt hat. Ich möchte den neu- und wiedergewählten Frauen in unserem Parlament empfehlen, sich einmal darüber Gedanken zu machen und sich zu fragen: Was bedeutet eigentlich das Wort Feminismus? Es ist bestimmt mit falschen Inhalten gefüllt und bewirkt Missverständnisse und falsches Verhalten. Wie empfinden starke und erfahrene Frauen eigentlich den Feminismus? Sie verstehen darunter „Die Gesamtheit aller Bestrebungen für eine Verstärkung des weiblichen Einflusses in Staat, Gesellschaft und Kultur ausgehend von dem Grundsatz der natürlichen Gleichheit der Geschlechter und die Gleichberechtigung fordern„. Überzeugte Feministinnen wissen sehr wohl, dass die historischen Verdienste der Frauenbewegung, der unblutigsten Revolution, die je stattfand, gar nicht hoch genug eingeschätzt werden können. Ich zitiere hier Naomi Wolf, eine überzeugte Feministin, die den rigorosen Gralshüterinnen vorwirft, sie hätten den Kontakt zur Basis verloren. Sie müssten endlich heraus aus ihren ideologisch-mythischen Schmollecken, bzw. den theoretischen Elfenbeintürmen. Sie sollten sich um die heute und ganz konkret anfallenden Probleme der Frauen kümmern, anstatt unentwegt in fast masochistischer Lust die Rolle des ewigen Opfers weiterzuspielen, alles Männliche abzuwerten und sich in dem – folgenlosen – Gefühl zu sonnen, die bessere Hälfte der Menschheit zu sein – ein Konzept, das nicht nur inhumane Züge trägt, sondern von der Mehrzahl der Frauen auch abgelehnt wird. Die Frauen von heute sollten die nötige Energie, das nötige Bewusstsein und die nötige Lust haben, sich aktiv am allgemeinen Powerplay zu beteiligen und sich ihr Stück vom gesellschaftlichen Kuchen zu holen. Dass man das nicht einfach geschenkt bekommt, dass die (in aller Regel männlichen) gesellschaftlichen Machthaber nicht plötzlich aus reiner Nächstenliebe einen Teil ihrer Bedeutung abgeben, muss hinreichend klar gemacht werden. Die Frauen dürfen sich weder von Männern, noch von radikalen Feministinnen, noch von ihrem eigenen Harmoniebedürfnis einschüchtern lassen. Nur so sind wir endlich da, wo wir hin müssen, auf dem Weg zur echten Gleichberechtigung, zur wahren Demokratie.

Marthe Gosteli

 

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Die Gosteli-Stiftung sammelt seit zwanzig Jahren beharrlich
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