Die Verschollene von San Nicolas

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Die unglaubliche Geschichte des Indianermädchens Karana (indianischer Name Won-a-pa-lei, zu deutsch das Mädchen mit dem langen schwarzen Haar), welches allein auf einer Pazifikinsel zurückgelassen wurde und dort von 1835 bis 1853 allein lebte, basiert auf einer wahren Begebenheit. Die „Insel der blauen Delphine„ heißt San Nicolas und gehört mit einer Fläche von 57,3 km2 zu den acht kalifornischen Kanalinseln. Sie liegt südwestlich von Los Angeles im Pazifischen Ozean.

Die Kanalinseln von Kalifornien (engl. Channel Islands), auch Santa-Barbara-Inseln, sind eine Kette von acht Inseln, die der Küste des südlichen Kalifornien vorgelagert sind. Die Inseln sind für ihren Reichtum an Meerestieren bekannt. San Miguel, Santa Cruz, Santa Rosa, Anacapa und Santa Barbara bilden zusammen den Channel-Islands-Nationalpark, zu dem der Zugang für Touristen beschränkt ist. Die Kanalinseln sind Heimat des Insel-Graufuchses, der zu den kleinsten Fuchsarten der Welt zählt. Diese Art hat sich aus dem nordamerikanischen Graufuchs entwickelt und stellt eine typische Form der Inselverzwergung dar. Bis vor etwa 12.000 Jahren lebte auf den Kanalinseln von Kalifornien wie auch auf einigen sibirischen Inseln das Zwergmammut, eine ausgestorbene Art aus der Familie der Elefanten mit einer Schulterhöhe von 1,20 bis 1,80 Meter. Die Inseln müssen also früher einmal über das gefrorene Eis mit dem Festland verbunden gewesen sein.
Die umgebenden Meere sind heute geschützt und bilden das „Nationale Meeresschutzgebiet der Kanalinseln„ (Channel Islands National Marine Sanctuary). Der Fischreichtum der Umgebung begünstigt das Vorkommen großer Wale ebenso wie die berühmten Robbenkolonien. Vier Robbenarten gründen an den Küsten ihre Kolonien: der Nördliche See-Elefant, der Kalifornische Seelöwe, der Stellersche Seelöwe und neuerdings auch der Nördliche Seebär. San Nicolas und San Clemente sind von der US-Kriegsmarine kontrolliertes Sperrgebiet. Als einzige der Inseln ist Santa Catalina dauerhaft bewohnt.

Auf den Kalifornischen Kanalinseln haben seit Jahrtausenden Menschen gelebt. Dies belegen die 11'000 Jahre alten menschlichen Knochen, die auf den Inseln gefunden wurden. Die Menschen lebten von essbaren Pflanzen und Abalone, einer fleischigen Muschel. Die Boote, die die Indianer auf der Insel St. Nicolas besaßen, waren nicht hochseetüchtig, da auf den Inseln selber keine grossen Bäume wuchsen. Sie konnten sich ihre Kanus nur aus angeschwemmten Baumstämmen herstellen. Der Handel mit dem Festland führte zu einigem wirtschaftlichen und kulturellen Wohlstand der Indianer auf den Kanalinseln. Von den Menschen auf dem Festland wurden die Menschen von den Inseln Mitc-tcumas oder Chumash genannt, das Insulaner bedeutet.

Im Oktober 1542 hatten die Chumash Indianer ihre erste Begegnung mit Europäern. Die Tongva ruderten 1542 mit ihren großen Kanus auf den Pazifischen Ozean hinaus, um Juan Rodriguez Cabrillo, den spanischen Entdecker, zu begrüßen und einzuladen. Als dann 1781 die ersten spanischen Siedler die Gegend erreichten, gab es noch schätzungsweise 5.000 Tongva. Sie wurden zu diesem Zeitpunkt auch "Gabrielinos" genannt, wegen der Mission de San Gabriel, in der viele von ihnen zwangsweise zum christlichen Glauben bekehrt worden waren.

Die Gemeinschaften der Tongva und ihre Kultur verfielen rapide mit der Gründung der Mission de San Gabriel 1771. Als die ersten amerikanischen Siedler 1841 die Gegend erreichten, waren die Tongva zerstreut und arbeiteten meist auf niedrigstem Niveau für die spanisch-mexikanischen Landbesitzer. Weiterhin dezimierten Krankheiten die eingeborene Bevölkerung. Nach heutigen Schätzungen leben noch ca. einige hundert bis einige tausend Tongva im Süden Kaliforniens.

In 1811 begann die Jagd auf die Otter an den Kalifornischen Küsten. Die Jäger suchten systematisch nach den Ottern, deren Pelze als weiches Gold beschrieben wurde. Als die Otter vielerorts fast ausgerottet waren, brachte Kapitän Whittemore im Auftrag der Russian-American Company etwa 30 Aleuten aus Russisch-Alaska für mehrere Wochen auf die San Nicolas Insel. Die Jäger blieben ein Jahr und es entstand ein blutiger Konflikt zwischen den Jägern und den Einheimischen, die sich gegen das maaslose Jagen wehrten. Bei weiteren Konflikten bis 1835 blieben von den ursprünglich 300 Ureinwohnenden nur noch etwa 20 Personen übrig, die meisten von ihnen Frauen und Kinder und ein Mann, Black Hawk.

Die Aleuter waren die Ureinwohner Alaskas. Ursprünglich war ihre Gesellschat in drei Klassen unterteilt; die niederen Klassen waren das gemeine Volk und die Sklaven (die nicht selten zu Ehren verstorbener Adeliger getötet wurden), die obere Klasse und der Adel, der aus angesehenen Walfängern bestand. Wegen des fehlenden Baumholzes lebten sie in einfachen Erdbehausungen, die oft eine erstaunliche Größe aufwiesen, so daß mehrere Familien (bis zu 100 Menschen) sich in ihnen aufhalten konnten. Neben diesen Familienhäusern wurden auch Lagerhäuser für winterliche Treffen der Männer und Jünglinge gebaut. Die Aleuten wurden in den letzten 250 Jahren beinahe ausgerottet. Die Russen ermordeten oder versklavten sie zum Seeotterjagen, sie mußten für die Russen auch in den Krieg ziehen oder starben an den eingeschleppten Krankheiten.

Bis zum Jahr 1849 wurden Seeotter und See-Elefanten auf den Inseln fast ausgerottet. Die Chumash Indianer hatten die Insel verlassen, um dem Gemetzel durch die Aleuter, die für die Russen und die Spanier Meeressäuger jagten, zu entgehen. Die für ihre Brutalität bekannten Aleuter hatten die Inselbewohner in die Jagd mit einbezogen. Den Indianerstämmen blieb nur die Flucht auf das Festland und damit in die Arme der Missionen.

Die Insel San Nicolas wurde für mehr als 10'000 Jahre von Indianern besiedelt. Den Weissen war die Kanalinsel bis um 1602 unbekannt. In jenem Jahr brach der spanische Forscher Sebastian Vizcaino aus Mexiko auf, um einen Hafen zu suchen, in dem die Schatzsegler von den Philippinen bei stürmischem Wetter eine Zuflucht finden konnten.

Als die Nachricht von den Massakern auf der Insel San Nicolas das Festland erreichte, entschied die Santa Barbara Mission, ein Rettungsschiff zu finanzieren. Im späten November des Jahres 1835 verliess der Schoner "Peor es Nada" (Nichts ist schlimmer) unter dem Kommando von Kapitain Charles Hubbard Monterey an der Kalifornischen Küste, um die verbliebenen Überlebenden zu retten. Nach der Ankunft auf der Insel versammelte Captain Hubbard's Crew die Indianer am Strand und brachten sie an Bord. Das Mädchen Karana konnte seinen kleinen Bruder nicht auf dem Schiff finden. Sie erblickte ihn auf den Klippen, da er wohl ins Dorf zurückgekehrt war, um seinen vergessenen Fischspeer zu holen. Als der Wind immer stärker wurde und die Mannschaft die grosse Gefahr für das Schiff erkannte, an den Klippen zu zerschellen, segelte die "Peor es Nada" in Richung Festland davon.

Das Mädchen Karana wollte ihren kleinen Bruder nicht alleine zurücklassen und sprang ins Wasser, obwohl die anderen sie zurückzuhalten versuchten. Sei schwamm zurück zur Insel und wurde so vom Rettungsschiff zurückgelassen.

Kapitain Hubbard brachte die Insulaner nach San Pedro Bay wo viele von ihnen sich bereit erklärten, in der San Gabriel Mission einquartiert zu werden. Da die Insulaner über keine Abwehrkräfte verfügten gegen die Krankheiten aus "der alten Welt", erblindete Black Hawk, der letze männliche Insulaner, und stürzte kurz darauf über eine Klippe, wo er im Meer ertrank.

Kaptain Hubbard konnte nicht zürückkehren, um das Mädchen Karana zu retten, weil er eine Ladung Holz nach Monerey bringen sollte. Das Schiff "Peor es Nada" sank am Hafeneinfang von San Francisco Bay, nachdem es wegen der Kollision mit einem schweren Holzstück leck geschlagen war. Mangels verfügbarer Schiffe wurde vorerst kein weiterer Rettunsversuch unternommen.

Das Robinson-Crusoe-Mädchen "Karana" lebte von 1835 bis 1853 allein auf der Insel und hat als "die Verschollene von San Nicolas" historische Berühmtheit erlangt.

Die „Verschollene von San Nicolas„ konnte ihr Leben nicht im Detail erzählen. Nach ihrer Rettung fand sich niemand mehr, der ihre Sprache beherrschte. Nur wenige Tatsachen sind bekannt. Die Geschichte wurde von Scott O'Dell im Jugendbuch "Insel der blauen Delphine" nacherzählt. Pater Gonzales brachte aus ihr heraus, dass wilde Hunde ihren Bruder umgebracht hatten. Ihren grünschillernden Rock, den sie aus Kormoranhäuten mitsamt Federn angefertigt hatte, schickte man nach Rom.

Die Geschichte im Buch von Scott O'Dell:


Eines Tages landen auf der "Insel der blauen Delphine" Weiße. Es sind Alëuter – Russen, die vom Norden heruntergesegelt sind, um Seeotter zu jagen. Otterfelle sind ein begehrtes Handelsobjekt zu jener Zeit. Die Alëuter verhandeln mit Chowig, dem Häuptling des Dorfes Ghalas-at. Dieser bezeichnet die Insel und die daran anschließenden Küstengewässer als Eigentum seines Stammes, denn schon einmal wurde sein Stamm von den Alëutern betrogen. Er besteht auf gerechter Bezahlung als Gegenleistung für die Erlaubnis, auf der Insel zu jagen. Die Russen jedoch zetteln aus Habgier einen Kampf an und töten dabei sowohl den Häuptling wie auch die meisten männlichen Inselbewohner, um die vereinbarte Bezahlung nicht leisten zu müssen. Die Überlebenden Einwohner stehen unter Schock und beschließen, die Insel zu verlassen. Der neugewählte Häuptling macht sich mit einem Kanu auf, um für den Stamm eine neue Heimat zu finden. Er verlässt die Insel der blauen Delphine in Richtung Osten, in der er das Land der Ahnen sucht.
Nach langer Zeit erreicht ein Schiff die Insel, um die Bewohner abzuholen. Karana, die 13-jährige Tochter des getöteten Häuptlings, ist bereits an Bord, als sie ihren kleinen Bruder vermisst, für den sie sich verantwortlich fühlt. Das Schiff hat schon abgelegt, als sie den 7-jährigen auf den Klippen der Insel erspäht, denn er ist zurückgelaufen ins Dorf um seinen Fischspeer zu holen. Die anderen ihres Stammes versuchen sie zurückzuhalten, doch springt sie ins Wasser und schwimmt zur Insel zurück. Sie ist überzeugt, das Schiff werde zurückkommen und sie und den kleinen Bruder abholen. Doch schon wenige Tage später wird der Bruder von den wilden Hunden getötet, die schon lange auf der Insel leben und denen sich auch die Hunde der Ausgewanderten angeschlossen haben. Karana schwört sich, sie werde die Hunde eines Tages selbst töten. Nach einer kurzen Zeit des Entsetzens und der lähmenden Trauer beschließt die tapfere Indianerin, dem Schicksal die Stirn zu bieten. Sie tut das einzig Richtige, um ihr Leben zu retten. Sie stellt sich sämtlichen Gefahren der dortigen Wildnis und plant ihre Zukunft.
Dazu gehört neben der Sicherstellung der täglichen Nahrung auch die Wahrung einer strikten Selbstdisziplin, die man durch Arbeit erlangt. Karana überlegt, wo sie schlafen wird, welche Waffen sie zur Selbstverteidigung benötigt und wie sie ihr Leben unter den gegebenen Umständen so gut wie möglich einrichten könnte. Nicht bei allem, was sie tut, kann sie auf eigene Erfahrungen zurückgreifen. Vieles erlernt sie erst mühsam durch Versuch und Irrtum. Und mehr als einmal entgeht sie dem Tod durch glückliche Umstände. Anfangs hat Karana Rachegedanken gegen die Hunde. Tiere tötet sie, um selbst zu überleben und um die Bedürfnisse ihres eigenen Lebens zu erfüllen (Fische für „Lampen„, Robben wegen der Sehnen, Kormorane für die Federnhäute, mit denen sie sich ein Kleid näht, Otter für das Fell, mit dem sie sich einen Umhang näht. Zu ihren Hauptnahrungsmitteln gehören die Abalones (eine fleischige Muschel), Fische, Wurzeln und Körner.
Im Laufe der 18 einsamen Jahre wandelt sich ihre Einstellung zu den Tieren, die zu ihrer Ersatzfamilie werden. Sie pflegt und betreut Tiere, spricht mit ihnen, füttert sie und findet unter den wilden und gehassten Hunden einen über alles geliebten Freund, den stärksten Hund und Anführer des Rudels. Karana verwundet ihn schwer mit ihrem Pfeil, bringt es dann aber nicht übers Herz, ihn zu töten und pflegt ihn gesund. Er dankt es ihr durch lebenslange Treue und macht ihr Leben dadurch weniger einsam.
Als die Otterjäger noch einmal auf der Insel landen, versteckt sich Karana in einer Höhle. Durch Zufall bekommt sie Kontakt mit Tutok, der jungen Frau, die sich in Begleitung der Jäger auf der Insel aufhält. Die beiden Frauen freunden sich an, obwohl sie nicht dieselbe Sprache sprechen. Karana ist traurig, als Tutok wieder fort ist. Die Begegnung hat ihre Sehnsucht nach Menschen wieder geweckt. Zahlreiche Abenteuer wird Karana bestehen, ein See- und Erdbeben überleben, ehe wieder menschliche Stimmen an ihr Ohr dringen. Es dauert „viele Sommer„, ehe ein weiteres Schiff an der Insel anlegt. Bei diesem jedoch verpasst Karana die Gelegenheit, mitzusegeln, weil sie sich für die Reise hübsch machen will.
Ein Jahre später wird Karana endgültig von ihrem Inseldasein erlöst. Sie geht ohne zu zögern, denn stärker als ihre Liebe zu der Insel und zu den Tieren ist ihre Sehnsucht nach den Menschen.

Rettung
1850 zahlte Pater Gonzales von der Santa Barbara Mission 200 US$ an Thomas Jeffries, um das Mädchen Karana zu finden, der sie jedoch nicht finden konnte. Die Geschichten, die er nach seiner Rückkehr erzählte, erregten die Aufmerksamkeit von George Nidever, einem Pelz-Trapper aus aus Santa Barbara, der mehrere Expeditonen aus eigenem Antrieb übernahm, auch, um auf der Insel Otter zu jagen. Das Erste Mal konnte er sie nicht finden, doch fand einer von Nidever’s Männern, Carl Dittman, bekannt als Charley Brown, menschliche Fussabdrücke am Strand und zum trocknen aufgehängten Robbenspeck. Eine weitere Expedition auf der Insel selber führte die Männer zur einfachen Hütte der Karana, die zum Teil aus Walfischknochen konstruiert war. Sie war mit einem Kleid aus den Häuten und grünlichen Federn der Kormorane bekleidet.
Karana wurde mit dem Schiff zur Santa Barbara Mission gebracht doch sie konnte sich mit niemandem verständigen. Die einheimischen Chumash Indianer konnten sie nicht verstehen. So schickte die Mission nach Tongva's (oder Gabrieleno), die zuvor auf der Santa Catalina Insel gelebt hatten, doch konnten auch diese sie nicht verstehen. Vier Wörter und zwei Lieder von Karana, die aufgezeichnet wurden, deuten auf eine Uto-Aztekische Sprache welche die Ureinwohner in Südkalifornien sprechen, doch ist nicht klar zu welchem Stamm die Sprache gehörte. Eine spätere Studie der Sprachforscherin Pamela Munro von der University of California in Los Angeles zeigt eine Verwandtschaft der Sprache zu derjenigen der Luiseños aus dem Northern San Diego County und derjenigen der Juaneños aus der Nähe von San Juan Capistrano auf. Beide Gruppen handelten mit den Insulanern der San Nicolas Insel. Deren Sprache ist heute ausgestorben doch versuchen einige Angehörige der Stämme sie wieder zu lernen.

Nach ihrer Ankunft war Karana bezaubert und verzückt über die wunderbaren Pferde, die europäische Kleidung und das Essen. Sie lebte bei den Nidevers. Er beschrieb sie als von mittlerer Grösse doch eher etwas dick. Ihr Gesicht war freundlich, weil sie immer lächelte. Sie hatte noch alle Zähne doch waren diese vom vielen Sehnenkauen bis auf den Gaumen abgeschliffen. Karana erfreute sich offensichtlich an den Besuchen bei neugierigen Einheimischen von Santa Barbara, wo sie für ihr Publikum tanzte und sang.
Eines ihrer Lieder war das Toki Toki-Lied. Der Chumash-Indianer Malquiares rezitierte das Lied und die Wörter, nachem er Karana singen gehört hatte. Sein Freund, Fernando Kitsepawit Librado (1839 – 1915), zeichnete das Lied auf.

Das Toki Toki-Lied
Toki Toki yahamimena (x 3)
weleshkima nishuyahamimena (x 2)
Toki Toki…(weiterfahren wie oben)

Aravio Talawiyashwit übersetzte die Rezitation von Librado als "Ich lebe zufrieden weil ich den Tag sehen kann an dem ich diese Insel verlassen will."Ob es sich dabei um eine Übersetzung oder einfach Intuition handelt, ist wegen der fehlenden Kenntnis der Sprache unklar.

Der folgende Text wurde am 13. Oktober 1853 in der Zeitung von Sacramento veröffentlicht:
"Die wilde Frau, die auf der Insel San Nicolas, etwa 70 Meilen vor der Küste im Westen von Santa Barbara gefunden wurde, befindet sich jetzt in Santa Barbara und wird als Kuriosität angesehen. Sie lebte für 18 oder 20 Jahre alleine auf der Insel. Sie lebte von Schellfisch, Robbenspeck und bekleidete sich mit Häuten und Federn von wilden Enten, welche sie mit Robbensehnen zusammennähte. Sie spricht keine bekannte Sprache, sieht gut aus und ist etwa im mittleren Alter. Sie scheint zufrieden in ihrem neuen Heim inmitten der guten Menschen von Santa Barbara."

Nur sieben Wochen nach ihrer Ankunft auf dem Festland starb Karana. Heute wird angenommen dass sie an der Ruhr starb, doch Nidever vermutete, dass sie an ihrer Vorliebe für grünen Mais, Gemüse und frische Früchte derart schwer erkrankte, weil sie in all den Jahren nur sehr wenig derart nährstoffreiche Nahrung zur Verfügung hatte. Nidevers Frau bot ihr getrocknetes Walfleisch an, weil sie dachte das würde eher ihrer Nahrung entsprechen, was Kerana jedoch mit einem Lachen und indem sie auf ihre abgeschliffenen Zähne deutete verweigerte.

Pater Gonzales taufte und christianisierte sie kurz vor ihrem Tod auf den Namen Juana Maria. Sie wurde in einem nicht bezeichneten Grab in der Parzelle von Nidevers Familie auf dem Santa Barbara Mission-Friedhof beerdigt. Heute weiss man, dass in dem Grabfeld in der Grösse von 3 Parkplätzen 4'000 Indianer und Indianerinnen bestattet wurden.

1928 wurde von den Daughters of the American Revolution (Töchter der Amerikanischen Revolution) im Friedhof eine Erinnerungsplakette an Juana Maria angebracht.

Keranas Wasserkorb, ihre Kleidung und die verschiedenen Arbeitsgegenstände wie Knochenmesser und -Nadeln, welche sie von der Insel mitgebracht hatte, waren Teil der Ausstellung der California Academy of Sciences, wurden jedoch 1906 im San Francisco Erdbeben und Feuer vernichtet. Ihr Kormoran-Feder-Kleid war dem Vatikan nach Rom gesandt worden, wo jedoch keine Aufzeichnungen vorhanden sind.

"Die Verschollene von San Nicolas" war die letzte Überlebende des Stammes der Nicoleño, denjenigen amerikanischen Ureinwohnern, die auf der Insel San Nicolas gelebt hatte.

Hoffnung und Hoffnungslosigkeit
Nach den vorliegenden Aufzeichnungen hat Karana ihr ganzes Leben auf der Insel in Hoffnung gelebt. Zuerst war es die Hoffnung auf Rettung vor den gewalttätigen Aleutern, die ihr fast die ganze Familie genommen haben, dann war es die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit den Ihren in einem sicheren Land.

Als sie dann nach der unvorstellbar langen Zeit von 18 Jahren, die sie alleine verbrachte, gerettet wurde, fand sie keine Überlebenden ihrer Familie und ihres Stammes, sondern ein Land, das den Indianern vollumfänglich weggenommen worden war, mit wenig Hoffnung für die indianische Bevölkerung. Zudem verfügte sie über keinerlei Immunität gegenüber all der Viren, die auf der Insel unbekannt waren.

Als seelisch-geistiger Grund für die Erkrankung an bazillöser Ruhr werden Bedrücktheit und Hoffnungslosigkeit angegeben. Das Glück, das Karana darin fand, wieder unter Menschen zu sein, konnte ihr nicht darüber hinweg helfen, dass sie, obwohl inmitten von Menschen, noch immer alleine war. Während all der langen Jahre der Einsamkeit hätte sie wohl nicht im Traum daran gedacht, dass es so für sie enden würde. Inmitten von Menschen, die ihrer Kultur nicht im geringsten nahestanden und mit denen sie sich auch nicht verständigen konnte. Und inmitten von Menschen, die ihrer Kultur nahestanden, doch keine Rechte mehr hatten, die eigene Kultur zu leben. Im Land ihrer Vorfahren, einem Land, das nun nicht mehr der indianischen Bevölkerung gehörte.

Priska Lenherr

   

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