Ruth Seiler-Schwab

Details

Ruth Seiler-Schwab gründete im Berner Seeland ein Schulheim für Jugendliche aus sogenannt schwierigen Verhältnissen. Sie bewies ihren Eltern, dass eine einfache Bauernfamilie auch mit sechs Mädchen überleben konnte. Sie war eine Idealistin, die arme Bauern mit kommunistischen Ideen aus der Misere führen wollte; eine junge Frau, die aus Liebe heimlich den elterlichen Hof verliess; eine Gärtnerin, die für ihre politische und soziale Haltung einen hohen Preis bezahlte, aber ihre fortschrittlichen Projekte engagiert und gegen alle Widerstände realisierte. Überzeugt von anthroposophischen und alternativen Erziehungsmethoden, gründete sie im Seeland ein Schulheim für Jugendliche aus so genannt schwierigen Verhältnissen. Das „Schlössli„ in Ins.

Ruth Seiler-Schwab hat ein eigenständiges, engagiertes Leben geführt – immer auch im Bewusstsein, dass es vielen schlechter geht, und dass sich etwas ändern lässt. Sie hat mit ihrem Leben gezeigt, dass Selbstverwirklichung kein Privileg der heutigen Zeit ist. Trotzdem oder gerade deswegen findet sie ihre Geschichte auch im Alter nicht der Rede wert, sondern nur selbstverständlich.

Der Dokumentarfilm «Müetis Kapital» der Journalistin Karoline Arn und der Filmemacherin Martina Rieder erhielt den Medienpreis "Goldene Brille" der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW). Die SAGW vergab den Preis "für die beeindruckende Leistung, mit der ein Stück Schweizer Geschichte fassbar gemacht wurde". Das Porträt von "Müeti" Ruth Seiler-Schwab befasst sich mit fast 100 Jahren Schweizer Geschichte, mit der Wirtschaftskrise, dem Aufkommen des Kommunismus, der Angst vor dem Krieg und mit der Fichenaffäre.

Ruth Seiler wurde am 29. Juni 1918 in Kerzers an der Holzgasse geboren. Eigentlich hatten die Eltern auf einen Buben gehofft. Als viertes von sechs Mädchen in der Bauernfamilie Schwab erinnert sich Ruth Seiler: "Ich habe mich deshalb schon als kleines Kind emanzipiert. Ich sagte immer zu meinen Eltern: "Wozu braucht ihr Buben? Wir Mädchen können auch alles." Sie bekam als Fünfjährige ein Kesseli und ein Melkstühlchen. Wenn die Bauern aus der Nachbarschaft auf Besuch kamen, hiess es: ‹Das Ruthli an der Holzgasse kann schon melken!›. Ruth genierte sich sehr. Vater und Mutter waren fortschrittliche Eltern und stellten hohe Anforderungen an die Kinder. Als einer der ersten pflügte der Vater im Moos und pflanzte Gemüse an. Einem erfahrenen Pferd stellte er eines zur Seite, das billig war und als schwierig galt. Danach konnte er es mit Gewinn verkaufen. Nach einem Unfall kaufte sich der Vater ein Auto und stellte auf Schweinehandel um. Die Mutter war gelernte Weissnäherin, erteilte Hauswirtschaftsunterricht und hielt Vorträge im Frauenverein. Im Dorf war sie geachtet. Als ausgeprägtestes Merkmal ihrer Mutter nannte Ruth Seiler-Schwab deren soziales Denken.

Die Weltwirtschaftskrise
Trotz allem Fleiss kam die Familie finanziell kaum über die Runden. Der Vater besprach seine Geldsorgen nie mit der Mutter, doch die Tochter Ruth interessierte sich dafür. Sie liess sich in Geldfragen ihr Leben lang nichts vormachen. In den 30er-Jahren mit der Weltwirtschaftskrise hatte sie aus nächster Nähe erlebt, wie Bauernbetriebe der Krise zum Opfer fielen. Diese Misere musste gestoppt werden, das war für sie klar. Nachbarn, denen ihr Engagement aufgefallen war, nahmen die Schülerin mit zu Vorträgen der Jungbauern über die Verbesserung des bäuerlichen Schicksals. Die Jungbauern waren eine Abspaltung der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB). Sie richteten sich an verschuldete Kleinbauern und ländliche Gewerbetreibende. Von ihrer Nähe zu den deutschfreundlichen Frontisten habe sie nichts bemerkt, erinnert sich Ruth Seiler-Schwab. Ihr politisches Engagement sei immer aus einer sozialen Betroffenheit heraus entstanden, denn das Zwischenmenschliche habe sie immer am meisten interessiert im Leben. Alles andere war weniger wichtig.

Schon früh stand ihr Berufswunsch fest: Sie wollte Bäuerin werden und einen Hof übernehmen - nicht Bäuerin und für den Haushalt zuständig sein. Doch die 30er-Jahre waren für solches noch zu früh. Also suchte sie weiter und fand in Estavayer eine Lehrstelle als Gärtnerin. Als 19-Jährige bestand sie zusammen mit drei Frauen aus Berlin und 16 Männern in Freiburg die Gärtner-Prüfung. Die drei jungen Berlinerinnen – Jüdinnen und Sozialistinnen – waren 1933 von ihren Eltern vor den Nationalsozialisten in die Schweiz in Sicherheit gebracht worden. Ruth Schwab leuchteten die sozialistischen Ideen ein. Weil sich die Kerzerser Bauern bei der Ernte gegenseitig halfen, konnte sie die kollektiven Ideen mit ihren Erfahrungen als Bauerntochter gut in Einklang bringen.

1937 trat sie kurzentschlossen in die Kommunistische Partei ein. Damit begann für sie ein Doppelleben, denn weder ihre Schwestern noch die Eltern oder die Leute im Dorf erfuhren davon, da sie annahm, dass dies wohl ziemlich schockiert hätte. Fortan arbeitete sie als Gärtnerin in der Trinkerinnenheilanstalt Herzogenbuchsee und pflegte Kontakt zu einem Lehrerehepaar in Derendingen mit gleicher Wellenlänge. Ruth Seiler kritisierte, dass die Kommunistische Partei sich wohl um das Los der Arbeiter, aber gar nicht um dasjenige der Bauern kümmere. Von ihren Bekannten erhielt sie die Adresse eines Mannes, der sie in dieser Sache unterstützen könnte. Es war Robert Seiler aus Kleindietwil, ihr künftiger Ehemann. Bald entwickelte sich zwischen den beiden ein reger Briefwechsel, sie trafen sich und eine tiefe Freundschaft begann.

Weil ihr Vater aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten konnte, kehrte sie 1939 zurück und bewirtschaftete zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Hilda den elterlichen Hof. Die Männer leisteten Aktivdienst und die Bäuerinnen mussten zu ihrer eigenen auch noch die Arbeit ihrer Männer übernehmen, so dass die Belastung für Frauen mit kleinen Kindern besonders gross war. Ruth Seiler sann auf eine Lösung und gründete mit ihrer Freundin Marianne Schneider zusammen in Kerzers einen Kindergarten. Der Weibel fuhr mit dem Fahrrad durchs Dorf und verkündete die Neuigkeit. Schliesslich betreuten sie zu zweit oder alleine 50 Kinder. Ihre Abwesenheit war für den Hof daheim ein grosser Ausfall.

Auch Robert Seiler war im Militärdienst. Weil er ohne feste Anstellung war, erhielt er keinen Urlaub. Ruth war auch da nicht verlegen. Der Vater war arbeitsunfähig; also stellte sie im Einverständnis mit ihrer Mutter ein Gesuch, damit Robert auf dem Hof arbeiten könne. Es wurde bewilligt und Robert Seiler kam nach Kerzers. Doch schon bald kam es zu Spannungen und Ruth wusste, dass es irgendwann dazu kommen könnte, dass Robert gehen und nie wiederkommen würde. Sie wusste, dass sie diesen Menschen nicht verlieren wollte, einerseits aus Liebe, anderseits, weil sie beide dieselben Ideen teilten. Sie musste sich entscheiden. Mitten in der Nacht packte sie ihre Sachen, spannte das Pferd an und verliess zusammen mit ihrem Freund im Morgengrauen schweren Herzens den elterlichen Hof. In einem Brief begründete sie ihren Schritt. Dann, anderthalb Jahre später – ihr Vater lag im Sterben – besuchte das Paar die Eltern. Auf dem Sterbebett sagte der Vater zur Tochter: "Ruth, ich glaube, es wird doch alles gut. Du hast einen guten Mann". Ruth Seiler-Schwab: "Was diese Worte für mich bedeutet haben!"

Robert Seiler und Ruth Schwab lebten damals in einem "linken" Quartier in Bremgarten im verbotenen Konkubinat. Der Heiratstermin war auf den 3. August 1941 festgesetzt. Zwei Tage davor fand an einem Waldrand bei Avenches ein geheimes Treffen linker Parteien inklusive Mitgliedern der inzwischen verbotenen Kommunistischen Partei statt. Unter den rund 20 Personen befand sich auch Ruth Schwab. Plötzlich war die Gruppe von der Polizei umstellt. Die Verhafteten wurden in einem Extrazug nach Bern gefahren und im Amtshaus inhaftiert. Statt der geplanten Heirat fand bei Seilers eine Hausdurchsuchung statt. Die junge Frau wurde nach einer Woche entlassen und dann endlich konnten Ruth und Robert heiraten. 1942 kamen die Zwillinge Hans und Ueli zur Welt, später die Tochter Katrin.

Die junge Familie zog nach Freiburg um. Ruth Seiler übernahm die Gärtnereifiliale eines Schwagers, wo zahlreiche Internierte arbeiteten. Robert Seiler arbeitete ebenfalls mit internierten Armeeangehörigen aus verschiedenen Ländern in der Landwirtschaft. Für ein paar Tage oder Monate war die Gärtnerei auch Unterschlupf für Flüchtlinge aus Nazideutschland, an deren Schicksal Ruth Seiler Anteil nahm. Parteifreunde orientierten die beiden, dass sie auf einer schwarzen Liste der Nationalsozialisten standen, von der es hiess, dass 200 Personen darauf vermerkt seien. Bei einem Einmarsch der Deutschen würden diese Personen zuerst erschossen. Die Seilers machten trotzdem weiter, wie sie es für richtig hielten. Im Krieg häuften sich kritische Berichte über die Zustände in Russland. Seilers Zweifel an der KP wurden grösser. Diese Kritik trug Robert Seiler 1943 den Parteiausschluss ein. Im Grunde wussten die beiden seit längerer Zeit, dass Politik nicht ihre Sache war. Das Ehepaar suchte einen neuen Weg.

Nach dem Tod von Ruth Seilers Mutter kauften sich die beiden mit dem bescheidenen Erbe ein Haus in Bremgarten. Ruth Seiler fand eine Anstellung in der Samenhandlung Leuthold am Waisenhausplatz in Bern. Robert arbeitete zuerst als Schriftsteller, dann als Magaziner im gleichen Geschäft. Weil Robert viel Geld für Bücher ausgab, war die Familie indessen nicht auf Rosen gebettet. Als Ruth ihm den Vorschlag machte, die Gesamtausgabe von Rudolf Steiner gegen neue Bücher einzutauschen, habe er geantwortet "Ausgerechnet diese sind die Wichtigsten!" Deswegen begann sie darin zu lesen und sagte zu sich: "Jetzt lerne ich meinen Mann kennen." Robert Seiler fand dann eine Anstellung als Lehrer an der Gesamtschule Reust und die Familie zog ins Emmental. Zum ersten Mal in ihrem Leben war Ruth Seiler-Schwab nun nur Hausfrau und Mutter. Sie begann sich intensiv mit fortschrittlicher Ernährung und biodynamischem Landbau zu beschäftigen. In Reust kamen 1949 Michael und 1952 Beat zur Welt. Neben ihren eigenen betreute die Familie immer auch andere Kinder. Ruth Seiler: "Dieser Mix hat mir immer gut gefallen und war wichtig." So entstand die Idee, eine Heimschule im Sinne einer Grossfamilie zu gründen.

1953 begannen die beiden, ihre Ideen in die Tat umzusetzen. Sie mieteten zuerst das Schlössli in Ins und zogen dort zu zwölft ein. Alles verdiente Geld steckten sie in die Renovation des Gebäudes. "Ich trug jahrelang die Kleider meiner Schwester, weil für neue kein Geld da war", erinnert sich Ruth Seiler-Schwab. Die Schule wurde von Anfang an nach anthroposophischen Grundsätzen geführt, liess aber jederzeit auch Platz für andere Ideen. Im Vorstellungsgespräch wurden die neuen Mitarbeitenden darauf hingewiesen, dass hier der Salat vor der Suppe gegessen wurde. Die eigenen Kinder genossen keine Vorrechte und lebten mit den anderen zusammen, auch zum Schlafen.

Nach dem Kauf des Schlösslis wurden der Schule laufend alte Häuser günstig angeboten und die Obergrenze von 20 Kindern wurde bald überschritten. Zuerst war die Rollenverteilung klar, Robert unterrichtete und Ruth machte den Haushalt und kochte. Weil sie im Organisieren besser war, übernahm sie bald auch die Ferieneinteilung der Mitarbeitenden und behielt die Buchhaltung im Überblick. Er dagegen hatte ein wunderbares Auge für die Bausubstanz. So entstanden innert kürzester Zeit in den alten Häusern heimelige Wohnungen. Selber renovieren und zu bauen – das hat sich im Schlössli mit der "Bauhütte" bis auf den heutigen Tag erhalten.

1961 wurde es Robert Seiler in Ins zu eng und er brach mit dem Zelt nach Südfrankreich auf, kaufte das verlassene Haus Feirefis und urbarisierte das Land. Bald schon verbrachten die Schlössli-Kinder ein Quartal des Jahres in Südfrankreich. Sohn Ueli Seiler trat 1963 als Lehrer in die Schlössli-Schule seiner Eltern ein.

1972 übergaben die Eltern die Leitung des Schlössli an ihre beiden Söhne Ueli und Michael. Bis Ende 2006 blieb Ueli der Leiter der Schule und der Umsatz erreichte rund 7 Mio. Franken. Sein Bruder Michel übernahm den Emmentaler Berghof Stärenegg, der aus dem Schlössli herausgewachsen war und inzwischen auch über Höfe im Ausland verfügt.

Das Schlössli Ins ist heute ein Vorbild für viele fortschrittliche Jugendheime im In- und Ausland. Die Schul- und Heimgemeinschaft ist auf der Grundlage der anthroposophischen Rudolf-Steiner-Pädagogik aufgebaut. Es ist eine Gemeinschaft von rund 120 Kindern und Jugendlichen sowie über hundert Erwachsenen. "Im Rahmen unserer Möglichkeiten erhalten bei uns jene Unterschlupf, die bei uns anklopfen. Und das sind nicht einfach schwierige Kinder, sondern Kinder aus schwierigen Verhältnissen und Situationen; Kinder, die Probleme haben oder in Not sind", erklärte Ueli Seiler.

Ruth und Robert Seiler-Schwab reisten nach der Übergabe mit je einem Koffer wiederum nach Südfrankreich und kauften dort das verlassene Anwesen Mas Guinet, welches sie als Rückzugsort renovierten. Die beiden blieben nicht lange allein, denn schon bald bekamen sie Besuch von ehemaligen Zöglingen und das Heimleben ging von vorne los.

Eines Tages kam ein Brief aus Paris mit der Aufforderung, das Haus zu verkaufen, weil in der Gegend Kohle abgebaut würde. So kehrten Ruth und Robert Seiler-Schwab 1988 in die Schweiz zurück, zuerst nach Portalban und 1991 nach Ins, wo Ruth Seiler Wohnrecht und Rente hat.

pml



Der Film:
Müetis Kapital, TV-Dokumentarfilm.
Buch und Regie: Karoline Arn und Martina Rieder, CH 2007.

Das Buch:
Karoline Arn
«Wenn wir uns gut sind»
Ruth Seiler-Schwab – ds Müeti vom Schlössli Ins
2007, 280 Seiten, 27 Fotos, Pappband

   

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