Das versteckte Dorf der Frauen

Details

1989 führte der englische Forscher Redmond O'Hanlon eine Expedition auf der Suche nach "Mokele Mbembe", dem letzten überlebenden Dinosaurier, an den Telesee im Kongo und schrieb darüber den Reisebericht "Congo Journey (Kongofieber)". Begleitet wurde er vom Afrikanischen Biologen Marcellin Agnagna, der behauptete, Mokele Mbembe bereits gesehen zu haben. Auf Ihrer Expedition gelangten die beiden Forscher zu Fuss in das Gebiet des Flusses Likouala-aux-Herbes und statteten einem versteckten Dorf an einem See, der auf keiner Landkarte verzeichnet war, einen Besuch ab.

Die Forscher fanden nach einem Tagesmarsch ein Dorf, das anders war als alle anderen, die sie bisher besucht hatten. Es war friedlich und wurde von den Frauen beherrscht. Im Dorf der Frauen mussten im Gegensatz zu den anderen Dörfern keine "Gebühren" für den Besuch entrichtet werden und es gab auch kein bewaffnetes Empfangskomitee. Der kleine See unweit von "Mokele Mbembes Heimat" war umgeben von einer intakten Natur voller Wildtiere. Hier gab es keine Wilddiebe, die auf alles schossen, was sich bewegte. Die Bewohner des Dorfes schützen "ihren Wald", wie sie es von ihren Müttern und ihren Grossmüttern gelernt haben. Das Dorf gefiel den beiden Forschern. Es war so anders, so friedlich. Die Männer waren auf der Jagd. Sie machten nie Ärger. Denn im Dorfe Mboukou haben die Frauen das Sagen. Wer ein Problem hat, geht zur Dörfältesten, dann kümmert sie sich darum. Sie sagt was zu tun ist. Alle vertrauen der Dorfältesten Thérèse Mouadanka ihr Leben an. Sie unternimmt alles, damit die Menschen in ihrem Dorf ohne Sorgen leben können. Und weil alle Probleme immer gelöst werden, können alle in Frieden miteinander leben.

Sieben Hütten standen auf einer Lichtung am Ende eines kleinen Sees. Die Hütten schienen mit dem Unterholz verwachsen zu sein, sie waren aus Knüppelholz und Flechtwerk mit Dächern aus Palmwedeln gebaut. In der Mitte der verwilderten Lichtung stand ein riesiger, uralter Mangobaum, vor dem auf vier Pfosten die geschwungene Seitenwand eines Einbaums als Bank befestigt war. Ein umgedrehter Bootsrumpf ohne Bug fand erwas erhöht als Hühnerhaus Verwendung. Ein gewundener Pfad führte zu einer weiteren Hütte, die noch kleiner war als die anderen. Diese Hütte bestand aus dichtgefügten Brettern und einer Tür aus kräftigen, Lianenverschnürten Knüppeln. Vor der Hütte standen zwei Emailleschüsseln. Das Dorf lag still und friedlich im Abendlicht, das sich vom See her spiegelte. Die Hütten waren ohne ebenmass, alle Wege krumm, und nirgendwo gab es scharfe Kanten, gerade Linien oder Flächen. Niemand fiel über die Ankömmlinge her, niemand wollte etwas von Ihnen. Zwei nackte kleine Jungen hockten über einem Loch, das sie in den Staub gescharrt hatten. Abwechselnd warfen die Jungen eine Handvoll Palmkerne in die Höhe: Wer die Kerne fing und verhinderte, dass sie ins Loch fielen, hatte gewonnen. Die winzigen Händchen waren so flink, dass man kaum sah, wie sie die Kerne fingen. In kindlichem Ernst und mit voller Aufmerksamkeit liessen sich die kleinen Jungen nicht vom geliebten Spiel ablenken.

Die Forscher begannen, ihre Zelte neben der Gemeindebank vor dem alten Mangobaum aufzubauen, als einer der Expeditionsteilnehmer die Anwesenden aufforderte, leise zu sein, denn sonst würden sie von den Geistern gehört, die dort in der kleinen Hütte wären. Er wäre von den Mädchen in Djéké gewarnt worden vor diesem Dorf. Er erzählte, dass alle Leute in der Gegend fest daran glaubten, dass Thérèse Mouadanka, die Alte, die Grossmutter, dass sie eine Hexe sei. Sie hätte sehr viel Macht. Auch ihre sieben Töchter, die in den sieben Hütten auf der Lichtung lebten, hätten Teil an ihrer Macht. Mit weitaufgerissenen braunen Augen erzählte ein anderer, dass man die Alte erst um Erlaubnis bitten müsste, wenn sie in den Wald des Dorfes wollten. Ansonsten würden sie sich verlaufen und nie mehr aus dem Wald herausfinden. Mit dem See sei es noch schlimmer. Wenn einer von ihnen ohne Erlaubnis in dem See fischen würde, würde er sofort untergehen, ohne dass er je wiedergefunden würde, auch wenn Tag und Nacht nach dem Vermissten gefischt würde. Das Dorf werde von den Frauen beherrscht. Hier würden die Mànner in Stücke geschnitten, ohne einen Laut. Wenn ein Mann im Wald sei und er begegne einer schönen Frau, müsse der Mann sehr aufpassen und der Frau auf die Füsse schauen. Falls die Füsse den Boden nicht berürühren würden, müsste dieser so schnell als nur möglich Reissaus nehmen. Hier an diesem Ort gäbe es viele Geisterfrauen, viel mehr als in Djéké, denn von hier kämen sie her. Die Männer in dem Dorf seien gute Jäger, keine Bauern. Dass die Leute in Djéke sagen würden, dass es ein Pygmäendorf wäre, stimme nicht, die Leute hier wären Bantus. Sie kennen den Wald und leben vom Wald. Sie überjagen ihn nicht. Sie kennen wahrscheinlich jeden Waldelefanten in ihrem Gebiet, das Thérèse Mouadanka durch ihren Zauber mit Angst und Schrecken schützt. Die Ehemänner der Frauen im Dorf gingen nicht fremd. Sie wären eingeschüchtert von ihren Ehefrauen, die alles sähen. Die Männer hier seien sehr friedfertig und wirkten glücklich. Sie würden gerne Musik machenm mit allem was ihnen in die Hände fällt. Weil die Frauen das gern mögen. Die Mànner machten alle Kunst, Musik und Wissenschaft nur, um den Frauen zu gefallen. Indem sie ihren Frauen gefielen, wären sie glücklich.

Thérèse Mouadanka empfing die beiden Forscher am selben Abend im Bastrock; kahlköpfig, mager wie ein Skelett, imposant. Die mitgebrachten Geschenke wie Sardinenbüchsen, Rotwein und Zigaretten nahm sie zur Kenntnis doch beachtete sie diese nicht weiter. Ihre langen, flachen Brüste waren schrumpelig, ihre spitzen Ellenbogen ruhten auf den ebenfalls spitzen Knien. Das kräftige Kinn hatte sie in die Hände gestützt, die lang und ausdrucksvoll waren, und unterzog die Forscher ihrer Prüfung. Dann nickte sie dem afrikanischen Forscher Marcellin Agnaga zu.
Dieser erklärte der Thérèse Mouadanka, dass sie gekommen seien, um ihren Respekt zu bezeugen und ihr als Dorfvorsteherin den amtlichen Parteiauftrag zu überbringen, alle Ausländer und alle Wilddiebe, die in ihrem Wald angetroffen würden, zu töten. Zudem bitte er darum, zusammen mit seinem Assistenten und dem weissen Forscher ihren Wald betreten zu dürfen und den See befahren zu dürfen. Er erklärte ihr auch, dass der Weisse Mann gerne die Geschichte des Dorfes erfahren würde. Thérèse Mouadanka schaute den Forscher Redmond O'Hanlon an.

Ihre tiefe Stimme wirkte fast körperlos, als sie zu erzählen begann: Zitat:"Der Gründer des Dorfes Mboukou hiess Tokoméné. Als er das Dorf Mboukou gegründet hatte, ging er in den Wald und zog in das Dorf Moukendenda, das verlassen war. Die Bewohner von Mboukou stammen aus Moukendenda. Die Bewohner von Mboukou gehören zur Gruppe der Bakolou. Alle Sprachen, die von dieser Gruppe gesprochen werden, sind ähnlich, und die verschiedenen Völker dieser Gruppe können sich verstehen. Manbenguela, der Häuptling des Dorfes Mokala, das jetzt ein Teil des Dorfes Djéké ist, regelt auch die Angelegenheiten der anderen Stämme von Djéké. Er ist kein Pygmäe, sondern ein Bakolou. Die Bewohner von Mboukou sind nicht aus dem Wald gekommen, denn sie hatten Angst vor den Weissen, den colons. Sie sind tief in den Wald geflohen und haben sich erst nach langer Zeit wieder gezeigt. In der Vergangenheit gab es eine Art von Sklaverei, die aus der Übermacht gewisser Gruppen entstand, einer Übermacht, die es ihnen erlaubte, sich Diener bei schwächeren Stämmen zu holen. In Kriegszeiten haben die siegreichen Stämme die Verlierer als Geiseln genommen und sie zu Sklaven gemacht. Seit der Gründung des Dorfes ist der Mboukou-See immer so geblieben, wie er war. Seine Gestalt hat sich nicht verändert. Wenn die anderen Bantus in Djeke uns für Pygmäen halten, dann nur deshalb, weil wir mit dem Wald verbunden sind. Wir lieben den Wald, weil unsere Ahnen im Wald gelebt haben. Sie haben nie in Laubhütten gelebt wie die Pygmäen, zusammen mit den Geistern des Waldes, sondern immer in richtigen Dörfern. Sie haben gelebt wie zivilisierte Menschen in wohlgeordneten Dörfern. Und deshalb sind wir keine Pygmäen."
Die alte Frau verstummte und sass mit gefalteten Händen da. Nachdem sie den beiden Männern die Erlaubnis erteilt hatte, mit einem der Männer aus dem Dorf den Wald betreten und den See befahren zu dürfen, stand sie auf. Sie schwenkte die Hand vor ihrem Publikum und zog sich in die Hütte zurück. Die Geschenke liess sie liegen.

Bei der anschliessenden Erkundung des Waldes begegneten den Forschern Gorillas, Schimpansen und Wald-Elefanten, die ohne allzugrosse Scheu vor den Menschen friedlich im Walde lebten. Sie wurden weder gejagt noch gehetzt. Auf keiner Etappe ihrer Reise waren ihnen soviele Tiere begegnet wie in diesem Wald, der durch das "Erbe der Mütter", das sich die Frauen in Thérèse Mouadanka's Dorf bewaht hatten, geschützt war. Denn die Männer jagten nur die schwachen Tiere und nehmen nur das, was sie zum Leben brauchten.

Nachdem die drei Männer von der 2-tägigen Expedition zurückgekehrt waren, wurden sie von Thérèse Mouadanka mit einigen Flaschen voller Honig für die Weiterreise beschenkt.

pml

   

Wer ist online  

Aktuell sind 20 Gäste und keine Mitglieder online

   
© frauennet.ch