Frauenstimmrecht und Frauenbewegung

Details

Das Frauenstimmrecht wurde in der Schweiz durch die eidgenössische Abstimmung vom 7. Februar 1971 eingeführt und am 16. März 1971 formell wirksam. Die Schweiz war eines der letzten europäischen Länder, welches seiner weiblichen Bevölkerung die vollen Rechte als Bürgerinnen zugestand. Die Schweiz war auch das erste Land, das das Frauenstimmrecht durch eine Volksabstimmung (des männlichen Teils der Bevölkerung) einführte. Im politisch eng mit der Schweiz verbundenen Fürstentum Liechtenstein wurde das Frauenstimm- und Wahlrecht erst im dritten Anlauf am 1. Juli 1984 eingeführt. Am 25. März 1990 gab das Bundesgericht einer Klage von Frauen aus Appenzell Innerrhoden Recht und bestätigte damit die Verfassungswidrigkeit der Innerrhoder Kantonsverfassung in diesem Punkt. Am 27. November 1990 führte Appenzell Innerrhoden als letzter Kanton gegen den Willen der Stimmbürger das Stimmrecht für Frauen auf kantonaler Ebene ein.

Internationaler Vergleich (je nach Land wurde das Wahlrecht für weisse Frauen eingeführt, nicht für eingeborene Frauen):
1776 erhielten Frauen im US-Bundesstaat New Jersey das Wahlrecht, das jedoch 1807 wieder zurückgenommen wurde.
1838 bekam die britische Kronkolonie Pitcairn, eine Insel im Südpazifik, als erstes Land ein nachhaltiges Frauenwahlrecht.
1869 führte Wyoming, Bundesstaat der Vereinigten Staaten, als erster neuzeitlicher Staat das Frauenwahlrecht ein.
1871 führte die Pariser Kommune das Frauenwahlrecht ein, welches mit der Niederschlagung durch französische Regierungstruppen am 21. Mai desselben Jahres wieder aberkannt wurde.
1893 sicherten sich die Frauen in Neuseeland das volle Wahlrecht. 1893 übernahm Elizabeth Yates das Amt der Bürgermeisterin der Stadt Onehunga bei Auckland. Sie war die erste Frau in einem solchen Amt im gesamten British Empire.
1894 führte die damalige Kolonie Südaustralien das aktive und passive Frauen-Wahlrecht (für weisse, nicht für eingeborene Frauen) ein.
1899 Westaustralien (für weisse, nicht für eingeborene Frauen)
1902 folgte das neu gegründete Commonwealth of Australia, das ein Jahr zuvor von Großbritannien in die staatliche Selbständigkeit entlassen worden war. Damit ist Australien der erste moderne souveräne Staat, der das Frauenwahlrecht teilweise eingeführt hat (für weisse, nicht für eingeborene Frauen).
1903 Tasmanien
1906 gewährte das damals russische Großfürstentum Finnland als erstes europäisches Land mit seiner Landtagsordnung vom 1. Juni den Frauen das Wahlrecht.
1913 Norwegen
1915 wurde das Frauenwahlrecht in Dänemark durch Änderung der dänischen Verfassung eingeführt.
1918 Österreich, Kanada (nur auf Bundesebene), Estland (die republikanische Seite im Bürgerkrieg), Deuschland, Lettland, Polen, Russland,
Vereinigtes Königreich, einschliesslich Irland (eingeschränkt)
1919 Weissrussland, Belgien (nur auf Gemeindeebene, Ungarn (eingeschränkt), Luxemburg, Niederlande, Ukraine
1920 Albanien, Tschechoslowakei, USA
1921 Armenien, Aserbeidschan, Litauen, Rumänien (eingeschränkt), Schweden
1922 Birma
1924 Mongolei, Saint Lucia, Tadschikistan
1925 Italien (nur Kommunalwahlen)
1927 Turkmenistan
1928 Guyana, Grossbritannien, Irland
1930 Südafrika (nur für weiße Frauen auf gleicher Basis wie für weiße Männer), Türkei (nur aktives Wahlrecht)
1931 Chile, Portugal (eingeschränkt), Sri Lanka
1932 Brasilien, Uruguay, Thailand, Malediven
1933 Spanien
1934 Kuba, Türkei (passives Wahlrecht)
1935 Indien (im selben Jahr wie die Männer), Myanmar
1937 Puerto Rico (passiv)
1938 Bolivien, Usbekistan
1939 El Salvador
1940 Kanada (als letzte Provinz erhielten die Frauen in Québec das Wahlrecht)
1941 Panama
1942 Dominikanische Republik
1944 Bermudas (nur Weisse mit gewissem Besitz), Bulgarien, Jamaika
1945 Frankreich, Guatemala, Kroatien, Japan (eingeschränkt), Senegal, Slowenien, Venezuela, Jugoslawien
1946 Kamerun, Kenia, Korea, Italien, Libanon, Liberia, Panama (eingeschränkt), Venezuela, Vietnam
1947 Argentinien, China (eingeschränkt), Bulgarien, Malta, Mexiko (nur auf Gemeindeebene), Singapur
1948 UNO: Die "Allgemeine Erklärung der Menschenrechte" wird von der Generalversammlung der Vereinten Nationen UNO genehmigt und verkündet. Art 21: "Der Wille des Volkes bildet die Grundlage für die Autorität der öffentlichen Gewalt; dieser Wille muss durch regelmäßige, unverfälschte, allgemeine und gleiche Wahlen mit geheimer Stimmabgabe oder in einem gleichwertigen freien Wahlverfahren zum Ausdruck kommen."
1948 Belgien, Israel, Irak, Korea, Niger, Surinam
1949 Argentinien, Bosnien und Herzegowina, Chile, China, Costa Rica, Griechenland, Syrien
1950 Barbados, Haiti, Indien
1951 Antigua, Grenada, Nepal
1952 beschliesst die UNO die "Vereinbarung über die politischen Rechte der Frauen".
1952 Bolivien, Griechenland, Libanon
1953 Bhutan, Guyana, Ungarn, Mexiko (auf Bundesebene ausgeweitet)
1954 Belize, Kolumbien, Ghana
1955 Kambodscha, Äthiopien, Honduras, Indonesien, Nicaragua, Peru
1956 Benin, Komoren, Ägypten, Mali, Mauritius, Pakistan (auf Bundesebene ausgeweitet), Somalia, Syrien
1957 Malaysia, Simbabwe
1958 Madagaskar, Tansania
1959 San Marino
1960 Zypern, Gambia, Tonga
1961 Burundi, Malawi, Paraguay, Ruanda, Sierra Leone
1962 Algerien, Monaco, Uganda, Sambia
1963 Afgahnistan (1996-2001 unter den Taliban zurückgenommen), Kongo, Iran, Marokko
1964 Sudan
1965 Botswana, Lesotho
1967 Ecuador
1968 Bermudas (allgemein), Swaziland
1970 Jemen
1971 Schweiz (auf Bundesebene, auf Kantonalebene 1958–1990)
1972-1983 Bangladesch, Bahrein, Jordanien, Salomoninseln, Angola, Kap Verde, Mosambik, Portugal (Beschränkungen aufgehoben), Marshallinseln, Mikronesien, Moldawien, Irak
1984 Liechtenstein
1986 Zentralafrikanische Republik
1990 Samoa, Schweiz (Der Kanton Appenzell Innerrhoden wird durch das Schweizerische Bundesgericht gezwungen, das Frauenwahlrecht einzuführen)
1994 Kasachstan
2001 Bahrein (gleiches Wahlrecht wie Männer)
2003 Oman, Katar (auf Gemeindeebene)
2005 Kuwait (gem. islamischem Recht, wirksam für die Parlamentswahl 2006)

Die Frauenbewegung

Dem Frauenwahlrecht ging ein langer Kampf der Frauenbewegung voraus. Im 18. Jahrhundert wurde die französische Revolutionärin, Frauenrechtlerin, Schriftstellerin und Autorin von Theaterstücken Olympe de Gouges, eigentlich Marie Guze (geb. am 7. Mai 1748 in Montauban) wegen Ihres Kampfes für das Frauenwahlrecht und insbesondere für ihre im Laufe der französischen Revolution im Jahre 1791 verfasste "Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin" am 3. November 1793 geköpft. (1782; Hinrichtung (Justizmord) der letzten "Hexe" Europas, Anna Göldi, in Glarus. Anm. der Verf.)

Die Französische Revolution von 1789 wurde allgemein als Beginn der Frauenrechtsbewegung angesehen, so auch in der Schweiz. In der ersten Bundesverfassung von 1848 (siehe auch Geschichte der Schweiz) wurde die Rechtsgleichheit erklärt: "Alle Menschen sind vor dem Gesetze gleich. Es gibt in der Schweiz keine Untertanenverhältnisse, keine Vorrechte des Ortes, der Geburt, der Familie oder Personen." Frauen wurden mit keinem Wort erwähnt, weder explizit in diesen Gleichheitsartikel ein- noch ausgeschlossen. In der aus der Verfassung resultierenden Gesetzgebung ergab sich jedoch, dass Frauen zu den Männern in ein Untertanenverhältnis gestellt wurden.

1860 bis 1874 organisierten sich die Schweizer Frauen erstmals zur Schweizer Frauenbewegung. Sie forderten zivilrechtliche und politische Gleichstellung für die geplante erste Revision der Bundesverfassung.

1874 wurde die Erste Revision der Bundesverfassung vom Stimmvolk angenommen. Obwohl es im Vorfeld grosse Diskussionen für und wider die politischen Rechte der Frauen gab, kamen auch in der neuen Verfassung keine Frauen vor.

1886 reichten 139 Frauen unter Führung von Marie Goegg-Pouchoulin ihre erste Petition an das Parlament ein. Diese Aktion erregte so viel Aufmerksamkeit, dass Anfang des folgenden Jahres (1887) die Forderungen der Frauen erstmals den Weg in eine Tageszeitung fanden. In ihrem Artikel "Ketzerische Neujahrsgedanken einer Frau" in der Zürcher Post machte Meta von Salis auf sich und auf die Ansprüche der Frauen aufmerksam. Neben den fehlenden politischen und zivilen Rechten kritisierte sie die bestehende "Ungleichheit vor dem Richter".

1886 Jahr forderte Emilie Kempin-Spyri, die erste Schweizer Juristin, die Zulassung zum Anwaltsberuf und scheiterte vor dem Bundesgericht.

1894 bereiste Meta von Salis das Land und hielt in allen grösseren Städten Vorträge zum Thema «Frauenstimmrecht und die Wahl der Frau». Ihre Referate waren schlecht besucht und an einigen Orten wurde sie ausgepfiffen, sie liess sich davon aber nicht entmutigen.

1894 fand in Chicago die erste Internationale Frauenausstellung statt, die über die Stellung der Frau in den verschiedenen Ländern informieren sollte.

1896, wurde an der ersten Landesausstellung in Genf der Erste Nationale Frauenkongress für die Interessen der Frau organisiert. Themen waren die Frauen-Ausbildung und -Erwerbstätigkeit sowie der mangelnde Versicherungsschutz für Frauen. Erstmals wurden die Frauen als einflussreiche Gruppierung ernst genommen. Als Folge dieses Kongresses wurde die erste parlamentarische Kommission mit dem Ziel, die "Frauenfrage" zu untersuchen, gegründet.

Um 1900 organisierten sich die Frauen im ganzen Land und bildeten verschiedene Frauenvereine für oder gegen das Frauenstimmrecht. Die beiden wichtigsten waren der Bund Schweizerischer Frauenvereine (BSF) (Dachverband, Gründung 1900) unter der Leitung von Helene von Mülinen und der Schweizerische Verband für Frauenstimmrecht (SVF) (1909).

1914-1918 kam die Bewegung während des Ersten Weltkrieges ins Stocken, weil wichtigere Probleme im Vordergrund standen. Unter Anderem leisteten die Frauenverbände die gesamte Sozialfürsorge während des Krieges, da die Schweiz zu diesem Zeitpunkt noch keine Sozialversicherungen kannte.

1918 war das Frauenstimmrecht die zweite von neun Forderungen beim Generalstreik. Im Dezember wurden zwei erste Vorstösse für das Frauenstimmrecht auf eidgenössischer Ebene durch die Nationalräte Herman Greulich (SP) und Emil Göttisheim (FDP) gemacht. In zwei Motionen wurde der Bundesrat aufgefordert, "Bericht und Antrag einzubringen über die verfassungsmässige Verleihung des gleichen Stimmrechts und der gleichen Wählbarkeit an die Schweizerbürgerinnen wie an die Schweizerbürger."

1919 reichten 158 Frauenverbände eine Petition ein, um den beiden Motionen mehr Gewicht zu verleihen. In der Folge wurden die Motionen Greulich und Göttisheim von Nationalrat angenommen und zur Ausführung an den Bundesrat überwiesen. Dort verschwanden sie jedoch wegen "dringenderer Probleme" für die nächsten Jahre in die Schreibtischschublade von Bundesrat Heinrich Häberlin (FDP). 15 Jahre später, 1934, übergab Häberlin das unerledigte und ungeliebte Geschäft seinem Nachfolger mit dem Hinweis: "Das Material für das Frauenstimmrecht liegt in der mittleren Schublade rechts Deines Schreibtisches".

1919-1921 fanden in mehreren Kantonen Abstimmungen zur Einführung des Frauenstimmrechts auf kantonaler Ebene statt. Sie wurden überall mit grossen Mehrheiten abgelehnt.

1921 fand der Zweite Nationale Frauenkongress in Bern statt. Für einmal stand nicht das Frauenstimmrecht, sondern die Berufstätigkeit und Erwerbsarbeit im Vordergrund.

1923 reichte eine Gruppe von Bernerinnen eine staatsrechtliche Beschwerde ein. Sie wollten ihr "Stimmrecht in Gemeinde-, Kantons- und Bundesangelegenheiten ausüben", wurden jedoch vom Bundesgericht unter Berufung auf das "Gewohnheitsrecht" abgelehnt.

1928 wandte sich Nationalrat Léonard Jenni mit einer Petition an den Bundesrat und wies darauf hin, dass der Begriff "Stimmbürger" in der deutschen Sprache Menschen beiderlei Geschlechtes beinhaltet. Das Gesuch wurde mit folgender Begründung abgelehnt: "Wenn man nun behauptet, dass der Begriff auch die Schweizer Frauen in sich schliessen sollte, so überschreitet man die Grenzen der zulässigen Interpretation und begeht damit einen Akt, der dem Sinne der Verfassung widerspricht. [...] Die Beschränkung des Stimmrechts auf die männlichen Schweizer Bürger ist ein fundamentaler Grundsatz des eidgenössischen öffentlichen Rechts."

Mutige Manifestation der Frauen: Die SAFFA 1928
Im Sommer 1928 öffnete die erste Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA) in Bern ihre Tore. Die erste SAFFA fand auf Initiative der Berufsberaterin Rosa Neuenschwander statt. Rosa Neuenschwander (* 1883; † 1962) war eine Berner Pionierin im Bereich der Berufsberatung und Berufsausbildung. Sie war die erste Berufsberaterin in Bern und auf ihre Initiative hin wurden mehrere Sozialwerke für Jugendliche und Frauen gegründet. Die beiden wichtigsten von ihr initiierten Verbände sind der Schweizerische Frauengewerbeverband und der Schweizerische Landfrauenverband (SLFV). Sie strebte an, die Leistungen der Frauen in Familie, Beruf, Wissenschaft und Kunst darzustellen und widerspiegelte das neue Selbstbewusstsein der berufstätigen Frauen.
Diese neue Generation von Frauenrechtlerinnen entwickelte unter anderem Ausstellungen der Frauenarbeit als politisches Kampfmittel. Rosa Neuenschwander organisierte 1923 in der Spitalacker-Turnhalle die erste Frauengewerbeausstellung. Der Erfolg ermutigte die Frauen zum ganz grossen Anlass: Dank gewaltiger unentgeltlicher Vorarbeit unzähliger Helferinnen fand vom 26. August bis 30. September 1928 auf dem Viererfeld in Bern (dem Gelände der Landesausstellung von 1914) die erste Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA) statt. Rund 800 000 Menschen (ein Viertel der damaligen schweizerischen Bevölkerung und zehnmal mehr als erwartet) besuchten die Pavillons zu den verschiedensten Themen von Hauswirtschaft bis Freie Kunst, von Krankenpflege bis Wissenschaft und liessen sich sowohl die moderne erwerbstätige Frau wie auch die traditionelle Hausfrau, Mutter und Konsumentin zeigen. Der Blick auf die Bedeutung der Frauen für Staat, Wirtschaft und Gesellschaft verlieh der Frauenbewegung Ansehen und neues Selbstvertrauen auf dem Weg zur Gleichberechtigung. Trotzdem behielt die überdimensionierte Schnecke, mit der die Frauen im Eröffnungsumzug die Entwicklung der Stimmrechtsfrage symbolisch dargestellt hatten, bis 1971 ihre Gültigkeit. Auch die im Überschwang des Saffa-Erfolgs dem Bundeshaus übergebene Frauenstimmrechtspetition von 1929 verschwand dort einstweilen in einer Schublade wie viele andere Vorstösse zuvor und danach.

Die SAFFA wurde von Frauen konzipiert, organisiert und gebaut. Frauen schufen für Frauen (und Männer) einen eindrücklichen Raum zur Demonstration der Kraft und der Vielfalt der "Frauenarbeit". Nach dem Ersten Weltkrieg war das Selbstbewusstsein der Frauen grösser geworden und es zeigte sich immer mehr, dass gute Berufslehren für Frauen nicht nur der Gleichberechtigung, sondern ebenso der sozialen Wohlfahrt dienlich waren. Die SAFFA bezweckte den Arbeitsmarkt für Frauen zu beleben und den Menschen die Bedeutung der Frauenarbeit für die gesamte schweizerische Volkswirtschaft ins Bewusstsein zu rufen. Auch sollte damit das Selbstbewusstsein der Frauen weiter gestärkt werden. Dieses Vorhaben wurde von vielen belächelt und auch die organisierenden Frauen mussten ihre Unsicherheit und Selbstzweifel überwinden. Der dadurch entstandene Druck führte zu einem ungeheuren Arbeitseifer und Perfektionismus, so dass die SAFFA 1928 zur bestorganisiertesten Ausstellung wurde, die je in der Schweiz stattgefunden hatte. Die Ausstellung wurde ein grosser Erfolg, so dass ein beträchtlicher Überschuss erwirtschaft werden konnte. Dieser wurde konsequenterweise in Solidaritätswerke von Frauen für Frauen reinvestiert. Vier von fünf der damals gegründeten Solidaritätswerke bestehen heute noch.

1929 lancierte der SVF eine neue Petition für das Frauenstimmrecht und erreichte diesmal eine Rekordzahl von 249'237 Unterschriften, die sogar die geforderte Anzahl Unterschriften für eine Volksinitiative überschritt: 170'397 Unterschriften von Frauen und 78'840 Unterschriften von Männern. Der Katholische Frauenbund distanzierte sich explizit von den Forderungen der anderen Frauenverbände. Auch andere gegnerische Organisationen reagierten und 1931 reichte die Schweizer Liga die "Stellung gegen die Verpolitisierung der Schweizerfrauen" gegen das politische Frauenstimmrecht beim Bundesrat ein. Immer wieder schrieben die Frauen und Männer der Liga, allen voran Emma Rufer, an den Bundesrat und die Parlamentarier und baten sie inständig, von dem Thema abzulassen mit den Worten: "Die Theorie der politischen Gleichstellung der beiden Geschlechter ist eine vom Ausland importierte Idee. An der Spitze der Frauenstimmrechtsbewegung in der Schweiz steht denn heute auch eine ursprüngliche Ausländerin. Wir halten dafür, dass in diesen wichtigen Sachen eigentlich nur gebürtige Schweizerinnen den richtigen Einblick haben. können; Leute also, die mit dem Wesen unserer Demokratie und unseres Volkes ganz vertraut sind."
Während der Dreissiger- und frühen Vierzigerjahre wurden die Bemühungen um das Frauenstimmrecht einmal mehr von den internationalen Ereignissen (Weltwirtschaftskrise, Zweiter Weltkrieg) überschattet. Mehrmals wurden die Frauen während diesen Jahren aufgefordert, die "Demokratie zu schützen", worauf die das Stimmrecht befürwortenden Frauenverbände antworten, dazu müssten sie zuerst über demokratische Rechte verfügen. Gegen Ende des 2. Weltkrieges kam die Frage wieder aufs Tapet, da insbesondere bürgerliche (genannt «freisinnige») Frauen im Gegenzug zu ihrem Einsatz im FHD (militärischer Frauenhilfsdienst) ihre demokratischen Rechte einforderten. Noch während des Krieges wurde das Aktionskomitee gegen das Frauenstimmrecht gegründet: "Wir erblicken in der Beteiligung der Frau in Partei und Politik eine Gefahr für unsere Familien und für die Einigkeit der Frauen unter sich, die sich besonders in der sehr kritischen Zeit des Überganges vom Krieg zum Frieden ungünstig auswirken könnte."

1944 verlangte Nationalrat Emil Oprecht in einem Postulat die Einführung des Frauenstimmrechts, weil wichtige Frauenpolitische Anliegen auf der politischen Tagesordnung standen: Alters- und Hinterlassenenversicherung, Mutterschaftsversicherung (dieser Verfassungsauftrag wurde anschliessend 60 Jahre lang "in die Schublade" gelegt) und Familienschutz. Das Postulat wurde vom BSF mit einer Eingabe vom 6. Februar 1945 im Namen von 38 Frauenverbänden unterstützt. Der Schweizerische Gemeinnützige Frauenverein äusserte sich nicht zu der Frage, der Schweizerischer Katholischer Frauenbund jedoch scherte erstmals aus der konservativen Linie der katholischen Kirche aus und erteilte seinen Mitgliedern Stimmfreigabe. 1945 wurde das Schweizerische Aktionskomitee für Frauenstimmrecht als Meinungsbildendes Instrument gegründet.

1946 fand der dritte Nationale Frauenkongress statt.

1948 wurden im ganzen Land Feiern zum 100jährigen Bestehen der Bundesverfassung durchgeführt. Die Heimat wurde als "Schweiz, ein Volk von Brüdern", gefeiert. Die Frauenverbände erklärten es um zu einem «Volk von Brüdern ohne Schwestern» und überreichten dem Bundesrat symbolisch eine Europakarte mit einem schwarzen Fleck in der Mitte. Zu diesem Zeitpunkt hatten alle europäischen Länder ausser der Schweiz das Frauenwahlrecht eingeführt. (Wie zuvor die SAFFA-Schnecke wurde diese symbolische Karte von Kritikern als Zeichen der politischen Unreife der Frauen interpretiert.)

1950 legte der Bundesrat einen Bericht an die Bundesversammlung über das für die Einführung des Frauenstimmrechts einzuschlagende Verfahren vor. Von nun an war unbestritten, dass es eingeführt werden musste. 1951 wendete sich der Schweizerische Frauenkreis unter der Leitung von Dora Wipf mit einem Schreiben an den Bundesrat gegen das Frauenstimmrecht: "Wir glauben also, dass wir guten Gewissens behaupten dürfen, die Mehrheit der Schweizerinnen zu vertreten, wenn wir Sie bitten, die Frage wohl zu erwägen, ob in der heutigen Zeit, da die Frau mit Pflichten aller Art stark belastet ist, man ihr die Übernahme weiterer grosser Pflichtenkreise noch zumuten darf. [...] Wir glauben nicht, dass unser Land politisierende Frauen braucht, sondern Mütter, leibliche und geistige Mütter, die mithelfen, dass Hass und Misstrauen überwunden werden. Wir vertreten grundsätzlich den Standpunkt, dass die Einführung überhaupt abzulehnen sei."

1952 verlangten Antoinette Quinche, Präsidentin des "Schweizerischen Aktionskomitees für das Frauenstimmrecht" und 1414 Mitstreiterinnen von ihren Gemeinden die Eintragung ins Stimmregister. Mit dem Argument, die jeweiligen Kantonsverfassungen würden Frauen nicht explizit vom Stimmrecht ausschließen, gingen sie mit ihrer Forderung bis vor Bundesgericht. Wie bereits 1923 wurden sie unter Berufung auf das "Gewohnheitsrecht" abgewiesen.

1957 fand eine Abstimmung statt, in der Zivilschutzdienst für alle Schweizer Frauen obligatorisch werden sollte. Während der Volksabstimmung ereignete sich ein Skandal: Die Frauen der Walliser Gemeinde Unterbäch gingen alle (unterstützt vom Gemeinderat) abstimmen. Der Gemeinderat erklärte, dass laut Verfassung die Gemeinden gesetzlich zuständig seien, um die Stimmregister aufzustellen. Die Abstimmung wurde vom Kanton Wallis und vom Bund für diese Gemeinde annulliert. Unterbäch führte 1957, als erste Gemeinde der Schweiz, das kommunale Wahl- und Stimmrecht für Frauen ein (trotz Verbot durch den Walliser Staatsrat).

1958 votierte das Bundesparlament erstmals für die Abhaltung einer Volksabstimmung über die Einführung des Frauenstimmrechts in eidgenössischen Angelegenheiten, der Antrag des Bundesrates wurde im Nationalrat mit 96:43 Stimmen und im Ständerat mit 25:12 Stimmen angenommen.

Landi der Frauen: Die SAFFA 1958
Die zweite SAFFA zog in Zürich vom 17. Juli bis 15. September 1958 über 1.9 Millionen Besucherinnen und Besucher an und war wie die erste SAFFA ein grosser Erfolg. Die ganze Ausstellung wurde ausschliesslich von Frauen organisiert und auch gestaltet. Neu und besonders aufsehenerregend waren die Rundbauten, die als Symbol der Zusammengehörigkeit der Frauen stehen sollten. Themen wie "mein Heim - meine Welt", "mit Nadel und Faden" und "im Reich der Küche" zogen die Hausfrau von damals in den Bann.
Die SAFFA 1958 stand unter dem Zeichen der bevorstehenden Abstimmung zum Frauenstimmrecht. Die Frauen verzichteten deswegen auf allzu kämpferische Auftritte und richteten an der SAFFA ein "Männerparadies" ein. Die Frauen brillierten wie schon 1928 mit wunderbaren Einfällen. So bestand das SAFFA-Frauenorchester aussschliesslich aus Musikerinnen und wurde von der ersten diplomierten Dirigentin der Schweiz, Hedi Salquin, dirigiert. Die Frauen spielten ein Stück der bekannten Komponistin Fernande Peyrot (1888-1978); Die Intrada. Der Bundesrat erschien geschlossen zum Eröffnungskonzert in der Wasserkirche.
An der SAFFA 1958 wurde das sogenannte Dreiphasenmodell im Leben einer Frau nach dem Motto "Lebenskreis der Frau in Familie, Beruf und Staat" propagiert. Erstens die Ausbildungs- und Berufsphase, dann die Mutterschaft und anschliessend die zweite Erwerbsphase, der Wiedereinstieg ins Erwerbsleben. Die Rolle der Frau als Alleinverantwortliche für die Familie als "Hort der Geborgenheit" im sich immer schneller wandelnden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umfeld wurde dabei nicht infrage gestellt. Während der 2. SAFFA erschien Iris von Rotens umstrittenes Buch "Frauen im Laufgitter". Dieses Buch soll nun die den Frauen von der Presse und den Männern vermeintlich entgegengebrachte Goodwill zerstört haben und Frau von Rothen wurde von verschiedenen Seiten sogar die Schuld für das Scheitern der Abstimmung von 1959 gegeben. Es kann sich um keine grosse Goodwill gehandelt haben, wenn sich die Schweizer bis dahin nicht darum geschert hatten, dass sie die Einzigen in ganz Europa (ausgenommen Liechtenstein) waren, die ihren Frauen und Mitbürgerinnen das Wahlrecht versagten. Die wahren Schuldigen waren diejenigen, die nicht die Grösse hatten, den Zeichen der Zeit Rechnung zu tragen, und mit Bestimmtheit nicht eine Frau, die lediglich die Wahrheit zu Papier gebracht hatte. Die zweite SAFFA wurde wie die Erste ein grosser Erfolg und die erwirtschafteten Überschüsse wurden wiederum in Solidaritätswerke von Frauen für Frauen reinvestiert

Nachdem sich die Westschweizer und Deutschschweizer Sektionen der Katholischen Frauenvereine für das Frauenstimmrecht ausgesprochen hatten, gab der SKF die Ja-Parole für die geplante Abstimmung heraus und propagierte das Frauenstimmrecht in den katholischen Organisationen. Kurz vor der Abstimmung erschien eine neue gegnerische Organisation auf dem politischen Parkett: Das Schweizerische Aktionskomitee gegen die Verfassungsvorlage über die Einführung des Frauenstimmrechts im Bund hatte sich kein geringeres Ziel gesetzt, als die Schweiz vor dem Untergang zu retten: "Die Vorlage missachtet mit der blossen Kopierung ausländischer Wahlrechtsverhältnisse die Besonderheiten unserer direkten Referendumsdemokratie, in welcher der Stimmbürger nicht nur wählt, sondern dauernd über oft recht schwierige Sachfragen entscheiden muss."

Am 1. Februar 1959 scheiterte die erste Volksabstimmung über das eidgenössische Frauenstimmrecht mit einer Stimmbeteiligung von 67% ganz klar am Volks- (33% : 66%) und Ständemehr (3 : 16 + 6/2 Kantone) [1]. Protestaktionen und Frauenstreiks in der ganzen Schweiz waren die Folge. Im Herbst konnten die Frauen jedoch endlich erste Erfolge verzeichnen: Als erster Kanton nahm Neuenburg das Frauenstimmrecht auf kantonaler Ebene an; die meisten anderen Kantone folgten in den anschliessenden Jahren.

1959 wurde nach der Ablehnung der "Bund der Schweizerinnen gegen das Frauenstimmrecht" gegründet. Der Verein argumentierte damit, dass die Frauen aufgrund ihrer biologischen Verschiedenheit durch ihre politische und rechtliche Gleichstellung benachteiligt würden. Im Laufe des Jahres 1965 gab es mehrere parlamentarische Motionen zur Einführung des Frauenstimmrechts auf eidgenössischer Ebene. Die rechtlichen Voraussetzungen für den Beitritt der Schweiz zur Europäischen Menschenrechtskonvention musste geschaffen werden. Trotzdem verhielt sich der Bundesrat zögerlich. In den Folgejahren wurden immer wieder Motionen an den Bundesrat gestellt.

1968 erreichten die damaligen Jugendunruhen auch die Schweiz und die Schweizer Frauenbewegung. Junge Feministinnen gingen auf Konfrontationskurs und veranstalteten Protestaktionen und Demonstrationen im ganzen Land. Da ihnen der "Schweizerische Verband für Frauenstimmrecht" zu wenig radikal war (sie bezeichneten diesen als "gemütlich"), gründeten sie die Frauenbefreiungsbewegung FBB, eine radikalfeministische Vereinigung junger Frauen.

1969: Am 1. März fand der "Marsch nach Bern" statt, eine Protestkundgebung vor dem Bundeshaus, bei der 5000 Personen die sofortige Verwirklichung des Frauenstimm- und Wahlrechtes forderten. Der Resolution von Emilie Lieberherr wurde von den Versammelten mit grossem Applaus zugestimmt: "Die hier versammelten Schweizerinnen fordern das volle Stimm- und Wahlrecht auf eidgenössischer und kantonaler Ebene und in den Gemeinden. Die Konvention des Europarates zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten darf erst unterzeichnet werden, wenn bezüglich des Stimm- und Wahlrechts kein Vorbehalt mehr nötig ist. Die rechtliche Gleichstellung der Geschlechter ist eine wichtige Voraussetzung für die Verwirklichung der Menschenrechte. Sämtliche vorgeschlagenen Vorbehalte stellen die Glaubwürdigkeit unseres Landes als Rechtsstaat und Demokratie in Frage. Wir fordern deshalb alle gutgesinnten Politiker und Stimmbürger auf, das Frauenstimm- und Wahlrecht im Bund, in den Kantonen und in allen Gemeinden als möglich zu verwirklichen."
als möglich zu verwirklichen."

Die Zahl von 5000 Demonstrierenden klang nicht so spektakulär, hatten die Politiker der damaligen Zeit jedoch ziemlich erschreckt. Inzwischen opponierten nämlich nicht allein die radikalen Stimmrechtsvereine und die FBB, sondern auch konservative Frauenorganisationen (Gemeinnütziger Landfrauenverband sowie Katholischer und Evangelischer Frauenbund). Durch Häuserbesetzungen und kämpferische Protestaktionen machte die FBB auf sich aufmerksam. Die Gruppierung wurde vom Frauenstimmrechtsverein scharf kritisiert, da befürchtet wurde, die Aktionen könnten "der Sache" schaden. Die Öffentlichkeit, insbesondere die jungen Menschen, begrüssten hingegen die schärfere Gangart der FBB.

Auf Druck des Ständerates veröffentlichte der Bundesrat im Dezember eine Botschaft über die Einführung des Frauenstimm- und Wahlrechts. Nun folgte ein langwieriges politisches Hin und Her zwischen Bundesrat, Nationalrat und Ständerat, bis endlich eine allgemein anerkannte Abstimmungsvorlage zur Einführung des Frauenstimmrechts erarbeitet war. Derweil gingen die Protestaktionen der FBB weiter. Der Abstimmungskampf selber verlief relativ ruhig und optimistisch: Alle Regierungsparteien und die beiden einflussreichsten Berufsverbände (Gewerkschaftsbund, Bauernverband) hatten die JA-Parole herausgegeben. Die Schweiz war sich für einmal einig. Nach 123 Jahren Kampf seit der Bundesverfassung von 1848 gewährten schliesslich die Schweizer Männer den Frauen aktives und passives Wahlrecht und Stimmrecht bei politischen Entscheidungen.

Am 7. Februar 1971 wurde die Vorlage vom (männlichen) Stimmvolk mit 621.109 gegen 323.882 Stimmen (65,7% Ja) und von 14 3/2 Ständen gegen 5 3/2 Stände angenommen.

Zitat der Rechtsanwältin und katholischen Theologin Gertrud Heinzelmann, die von 1956 an im Vorstand des Schweizerischen Verbandes für das Frauenstimmrecht war, den sie von 1959 und 1960 präsidierte: "Endlich, endlich, endlich ... Von mir fallen Zentner. Die Aufgabe, die seit bald hundert Jahren ungelöst von einer Generation zur anderen tradiert wurde, hat in der letzten "Männerabstimmung" vom 7. Februar 1971 ihre glanzvolle Erfüllung gefunden. Fortan wird es nur noch Volksabstimmungen geben im wahren Sinn des Wortes."

Bei den eidgenössischen Wahlen vom 31. Oktober 1971 waren somit erstmals Frauen wahlberechtigt und wählbar. Elf Frauen wurden in den Nationalrat gewählt, was bei 200 Mandaten einen Frauenanteil von 5,5 % ausmachte. Als einzige Frau wurde die freisinnige Lise Girardin im Kanton Genf in den Ständerat gewählt, sie war auch die erste Stadtpräsidentin (Genf) in der Schweiz.

pml

   

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